Vom Körper verschluckt

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Univ.-Professorin Annelie-Martina Weinberg forscht an Implantaten, die sich im Körper auflösen.

Wenn Kinder Knochenbrüche erleiden, sind die Anforderungen an die Heilung des Knochens anders als beim Erwachsenen. Damit die Knochen nicht falsch zusammenwachsen, müssen auch bei Kindern bei schwierigen Frakturen diese durch Implantate stabilisiert werden, die etwa nach einem Jahr wieder entfernt werden müssen. Mit resorbierbaren Materialien ließe sich ein zweiter Eingriff vermeiden. Doch bislang war nicht klar, wie lang das Implantat im Körper verbleiben sollte und welche Stabilität und Mechanik gewährleistet sein müssten. Zudem führten die derzeit vorhandenen resorbierbaren Implantate zu chronischen Entzündungen.
Im Rahmen des Laura-Bassi-Zentrums BioResorbable Implants for Children (BRIC) kann sich die Unfallchirurgin und Orthopädin Annelie Weinberg von der Klinischen Abteilung für Orthopädie der Universität Graz nun einen Lebenstraum erfüllen und Implantate entwickeln, die ohne Komplikationen vom Körper „verschluckt‟ werden. Mittlerweile hat das Projekt die nächste wichtige Entwicklungsstufe erreicht: Erste Implantate wurden bereits getestet. Außerdem haben sich für die Medizinerin durch das Laura-Bassi-Zentrum neue Türen geöffnet: So konnten im Rahmen des Programms Drittmittel in Höhe von 1,5 Mio. € zusätzlich eingeworben werden, darunter etwa ein Marie-Curie-EU-Projekt.

Kinder-Frakturen heilen anders als die von Erwachsenen

Das neue Implantat hätte den Vorteil, viel elastischer zu sein als die bisher eingesetzten Stahl- oder Titan-Werkstoffe und würde den Heilungsprozess der Knochen fördern. Denn kindliche Frakturen benötigen im Vergleich zu jenen von Erwachsenen eine flexiblere Unterstützung. Es ist Teil des BRIC Projektes, diese therapeutischen Unterschiede, über die man bislang zu wenig weiß, genauer zu erforschen: Wie lange soll ein Implantat im Körper des Kindes verbleiben, welche Stabilität und Mechanik muss gewährleistet sein? Diese Lücke in der Grundlagenforschung wird BRIC als zweiten Forschungsschwerpunkt schließen. Das erste Ziel ist jedoch die Entwicklung eines resorbierbaren Werkstoffs. Zwar existieren bereits derartige auf Milch- oder Zuckermolekülen basierende Implantate. Diese führen aber zu einer Übersäuerung der Zelle und rufen chronische Entzündungen im Körper hervor. Das BRIC Forschungsteam arbeitete zunächst an zwei weiteren Werkstoffgruppen. Zum einen an der Entwicklung eines alternativen biokompatiblen Materials auf Basis von Hydroxybuttersäure und gemeinsam mit der ETH Zürich an Magnesiumimplantaten. Die Materialien, die in Zusammenarbeit entwickelt wurden, wurden gemeinsam mit der TU Wien, der BOKU Wien und der TU Graz getestet. Nach Abschluss der ersten Förderperiode hat sich herausgestellt, dass die Magnesiumimplantate geeigneter für die Versorgung von Frakturen im Kindesalter sind.
Hierbei zielt die Materialentwicklung auf passende Härten, Biegsamkeit und in-vivo Abbaugeschwindigkeiten ab. Bis zu seiner Anwendung in der Kindertraumatologie und -orthopädie sind noch mehrjährige, gemeinsame Forschungsarbeit aller Projektpartner notwendig.

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Eine Lawine ins Rollen bringen

Die Leidenschaft, mit der Annelie Weinberg ihren Lebenstraum verwirklicht, beschränkt sich nicht nur auf ihre chirurgische und wissenschaftliche Tätigkeit. Als Leiterin des Laura-Bassi-Zentrums BRIC liegt die Chirurgin mit ihrem Führungsstil ganz auf Programmlinie: „Ich lege großen Wert darauf, dass sich meine Teammitglieder laufend weiterqualifizieren, nicht nur medizinisch, sondern auch im Soft-Skill-Bereich.‟ Sie selbst hat schon, bevor sie die Leitung des Laura-Bassi-Zentrums übernahm, ein MBA-Studium für Gesundheitsmanagement absolviert.
Der Forscherin ist deshalb besonders bewusst, wie wichtig Transparenz ihrem Team gegenüber ist: „Ich bemühe mich, offenzulegen, was ich von jedem Teammitglied erwarte, welche Herausforderungen im Projekt auf uns zukommen und was wir erreichen wollen. Dafür bekomme ich häufig positives Feedback, da viele zum ersten Mal klar erkennen, welche Kriterien zu erfüllen sind.‟ Dazu gehört auch ein eindeutig definierter Karriereplan. Für Annelie Weinberg stellt das Laura-Bassi-Programm deshalb den adäquaten Rahmen dar, um eine innovative, hoch professionelle Vorgehensweise zu etablieren, für die es ihrer Meinung nach im Wissenschaftsbetrieb höchste Zeit ist.